Adieu Karibik, hello Europa, good bye Ruder
Ihr Lieben,
Lange habe ich mich mal wieder nicht gemeldet. Aber es war auch wirklich einiges los, dass sich erstmal lösen musste.
Bevor ich starte, möchte ich mich ganz herzlich für die vielen Rückmeldungen von Euch bedanken. Dass so viele diese kleinen, wenig poetischen Berichte, mit so viel Freude, lesen macht mich sehr glücklich. Danke!
Die Saison in der Karibik endet bekanntermaßen am 1.Juni eines jeden Jahres mit dem offiziellen Beginn der Hurrikan Saison. Auch wenn sich mehr und mehr benannte tropische Stürme, also Wettersysteme, die so groß und/oder verheerend genug sind, dass die Metereolog*innen ihnen Namen geben, oder bereits Hurrikane in den Mai schleichen, spricht mensch vorerst weiterhin von der Saison von Juni – November. Also zieht die Karawane, entweder nach Süden in den Bereich der Karibik, die auf Grund der geringeren Coriolis-Kraft selten bis gar nicht von einem tropischen Stürmen betroffen ist (auch hier verändert sich das Wetter, wie wir so dramatisch mit dem Tropensturm Beryl erleben mussten), sich in eins der sogenannten Hurrikane-Holes zurück oder, so wie wir zuerst nach Norden und dann weiter nach Osten, zurück nach Europa.
Nach einer wunderabren Zeit in der Karibik, mit fantastischem Wasser, unglaublichen Stränden, Sonnunter- und Aufgängen, Rochen, Haien, Schildkröten, Delfinen und großartigen Crews, wollten wir nach einem kurzen Aufenthalt in den USA weiter nach Bermuda. Die Insel im Atlantik, mit ihrem fast noch tropischen Wetter, der Anglo-Amerikanischen Historie und seinem Charme eines Seefahrerhotspots des 17.Jahrhunderts, ist der ideale Absprungort für die ca. 2000 Seemeilen lange Etappe, über den Atlantik, auf die Azoren.
Leider ist die Etappe von West Palm Beach in den USA nach Bermuda alles andere als glatt verlaufen. In der Nacht vom 09.05.2024 auf den 10.05.2024 tut es plötzlich einen Schlag, Rocinante läuft aus dem Ruder, geht durch den Wind und dreht bei. Zuerst ist meinem Mitsegler Ben und mir nicht klar was passiert ist. Wir vermuten der Windpilot konnte in einer Böe das Schiff nicht auf Halbwind halten und daher die starke Reaktion. Wie da der „Schlag“ ins Bild passt? Darüber denken wir in dem Moment gar nicht nach. Schon bei dem ersten Versuch das Schiff wieder auf seinen alten Kurs zu bringen, wird jedoch klar, das etwas mit der Ruderanlage nicht stimmen kann.
Dass dies der Beginn einer Odyssey wird, war natürlich zu diesem Zeitpunkt noch niemandem klar. Einen ausführlichen Bericht werde ich hier auch noch einmal reinreichen. Aber ich bin weder Journalist noch Schriftsteller, daher, und auch aus der Betroffenheit über die Situation, fällt es mir schwer einen spannenden Bericht zu erstellen. Aber ich bin dran.
Nur so viel: Die nächsten 500 Sm nach Bermuda segeln wir mit dem viel zu kleinen Ruder der Hydrovane Windsteueranlage, die mit dem aufstecken einer Pinne zu einem Notruder umfunktioniert werden kann. Ohne Hauptruder, das ist am Schaft direkt unterhalb des Rumpfes abgebrochen und hat sich davon gemacht. Ein ziemlich heftiges Tief braut sich zusätzlich noch im Norden zusammen und wir müssen noch einmal beidrehen und es durchziehen lassen, bevor wir uns entschließen mit Motorunterstützung Tag und Nach durchzusegeln, um so schnell wie möglich Bermuda zu erreichen. Ich kann Euch ehrlich sagen, das war das Heftigste, was ich jemals gemacht habe. Und, ich und mein Mitsegler Ben, waren uns auch immer mal wieder nicht sicher, ob wir es überhaupt schaffen können oder werden.
Am 14.05.2024 laufen wir trotz allem nachmittags in St. George’s Harbour auf Bermuda ein. Völlig fertig, aber auch über glücklich, dass wir es geschafft haben. Ich habe immer wieder Tränen in den Augen bei dem Gedanken, dass wirklich nicht viel gefehlt hat und wir Roci hätten, aufgeben müssen.
Leider währt der Moment des Glückes nicht sehr lang, denn schnell wird klar, dass es viel zu klären gibt und das meiste davon hoch komplex sein wird. Zeitverschiebung, Zugang zu Dokumenten, Erschöpfung, aber auch die Segel-Hochsaison auf Bermuda mit vollen Auftragsbüchern der Mechaniker und Werften, ein offensichtlich Überforderter Hersteller und ein unwilliger Deutschland Dealer, aber auch der Standpunkt der Versicherung, dass sie nicht der Partner sein wollen, den ich mir erhofft hatte, sondern vom ersten Moment an mauern, macht die nächsten Wochen zu den anstrengendsten in meinem Leben. Nur Dank meiner Familie, insbesondere meiner Schwester Julia, konnten wir so schnell das notwendige Ersatzruder lokalisieren und beschaffen. Gleichzeitig habe ich Rocinante in der Werft noch einen neuen Unterwasseranstrich verpasst und insgesamt versucht die Zeit auf Land so sinnvoll wie möglich mit kleineren und größeren Reparaturen zu füllen.
Lange Rede kurzer Sinn. Knapp vier Wochen nach dem Ruderbruch im Bermuda Dreieck liegt ein brandneues Ruder, frisch aus Frankreich eingetroffen in der Weft auf Bermuda. Der Einbau verläuft schnell und unaufgeregt und ein paar Tage später schwimmt Roci wieder und ich habe das Gefühl sie ist genauso glücklich, wie ich.
Jetzt fliegt auch noch meine Ersatzcrew bestehend aus Alexandra und Max, zwei sehr guten Freund/innen von mir ein. Die Beiden haben kurzerhand beschlossen mir den Arsch zu retten und die lange und wichtige Passage auf die Azoren mit mir zu segeln. Am 10.06.2024 klarieren wir aus und starten die Wo ist Roci? – Transat Pt. 2 nach Ponta Delgada. Mit dem kleinen Feature, dass wir nur 15 Tage haben, um die Distanz von ca. 2000 sm zu bewältigen, da am 25.06. bereits die nächste Crew auf den Azoren am Kai stehen wird. Es darf also nichts, aber auch gar nichts passieren. Und so kommt es. Roci ist unheimlich schnell. Wir haben klasse Wind und segeln zu 90 % auf dem schnellen Halbwind und können nach 12,5 Tagen auf Ponta Delgada festmachen. Was für ein Ritt…
Wir feiern einen Abend lang und bereiten dann Roci für die letzte Etappe über den Atlantik vor. Die schwierige, aber schöne Etappe an das portugiesische Festland, nach Faro. Riggcheck, natürlich eine umfassende Revision des Ruderschafts, des Quadranten und des neuen Ruders und so weiter. Tatsächlich kann die neue Crew am 25.06.2024 an Bord kommen und wir legen bereits am nächsten Nachmittag ab. Und es wird ein toller Törn. Mit allem Drum und Dran. Delfinen und Regen, Flaute und Sonnenschein, nahezu Sturmstärken und haushohe Wellen, sternenklare Nächte mit so vielen Sternschnuppen, dass wir sie kaum zählen konnten und vielem mehr. Aber das Wichtigste: einer tollen Stimmung an Bord!
Am 02.07.2024 erreichen wir sicher den Vorhafen von Portimão. Die gesamte Crew glücklich und stolz auf unsere Leistung. Am nächsten Tag verlegen wir das Schiff zu unserem Ziel, dem wunderbaren Ankerplatz zwischen Faro und der vorgelagerten Insel Culatra. Hier liege ich auch jetzt und schreibe diesen Bericht.
Von jetzt an heisst es „Roci goes Meds!“.