Staande Mastroute: mit stehendem Mast von Makkum nach Rotterdam

5. Mai 2022

Was bisher geschah pt. 2


Nicht jede Etappe führt über offene See. Wer in den Niederlanden nach Süden will, kann große Teile der nicht ganz einfachen Nordsee auslassen und stattdessen mit stehendem Mast durchs Binnenland fahren – über die Staande Mastroute. Von Makkum am Ijsselmeer ging es für Rocinante über Amsterdam und Gouda bis nach Rotterdam: tidenfreies Wasser, unzählige Brücken und ein nächtlicher Konvoi mitten durch eine Metropole.

Über das Ijsselmeer nach Enkhuizen

Nach der Nachtpassage bis Makkum gönnten wir uns erst einmal Ruhe. Dann, befreit von den Zwängen der Gezeiten, begannen die kurzen Binnenetappen. Die erste, gerade 20 Seemeilen nach Enkhuizen, war praktisch windstill – ein entspannter Motortag über das flache, tidenfreie Ijsselmeer.

Ein Stück Geschichte am Rande: Das Ijsselmeer war einst die Zuiderzee, eine Bucht der Nordsee. 1932 trennte sie der Abschlussdeich (Afsluitdijk) vom offenen Meer – seither ist das Wasser tidenfrei, große Teile wurden trockengelegt und zu Land gewonnen. Deshalb tragen Städte wie Makkum und Enkhuizen noch den friesischen Charme ehemals bedeutender Handels- und Fischereizentren. Enkhuizen, an der Schleuse zwischen Ijsselmeer und Markermeer, ist mit seiner großen gotischen Kirche und dem alten Wehrturm ein pittoreskes Städtchen zum Erkunden.

Salinge richten – Handarbeit in 20 Metern Höhe

Vor Stadtspaziergang und Pizza stand Arbeit an: Die Rigger in Hamburg hatten mich darauf hingewiesen, dass die Salinge „hängen" – sie strebten leicht Richtung Deck statt leicht zum Himmel, wie es sein soll. Rocinante hat zwei Salinge, bei etwa einem und bei zwei Dritteln der Masthöhe.

Für einen ungeübten Kletterer wie mich ist es jedes Mal aufregend, in rund 20 Metern Höhe zu arbeiten. Nach anfänglichem Unwohlsein gewöhnte ich mich ein und fasste Vertrauen zu den Leinen. Im Bootsmannstuhl lockerte ich die Salinge, die Crew die Wanten; mit einem umgewidmeten Fall ließen sie sich anheben und in der neuen Position festmachen. Nach rund zwei Stunden war ich wieder an Deck – mit Aussicht auf ordentlichen Muskelkater, aber einem Haken mehr auf der endlosen Liste.

Durch das Markermeer nach Amsterdam

Durch die Schleuse Krabbersgat ging es ins Markermeer, auch hier bei Flaute unter Motor. Die Einfahrt nach Amsterdam über het IJ ist ein besonderes Gefühl: eine Klappbrücke, dann taucht der Hauptbahnhof Amsterdam Centraal an Backbord auf. Unsere Marina Sixhaven in Amsterdam-Noord lag genau gegenüber, nur eine kurze Fahrt mit einer der allgegenwärtigen Fähren über den Fluss. Ein warmer, sonniger Frühlingstag – die Cafés voll, die Stadt draußen.

Die Staande Mastroute durch Amsterdam

Die Staande Mastroute ist eine niederländische Besonderheit: ein durchgehendes Kanalsystem quer durchs Land, das über Schleusen sowie Dreh-, Hebe- und Klappbrücken mit stehendem Mast befahrbar ist. Manche Brücken sperren sich bei Annäherung automatisch für den Straßenverkehr, andere öffnen erst nach Anmeldung per Funk.

Wir wählten die Route mitten durch Amsterdam – und lernten schnell, dass sie vor allem eines verlangt: Geduld. An der ersten Brücke im Alten Holzhafen ging es hinein, dann hieß es warten: Die folgende Eisenbahnbrücke öffnet nur einmal nachts, zwischen 22 und 2 Uhr, gekoppelt an den Zugfahrplan. Wir meldeten uns beim Wasseramt an (was eigentlich schon vor der Einfahrt hätte geschehen sollen) – die Mitarbeiter waren betont entspannt: kein Name, keine Größe, keine Gebühren.

Praktisch fürs Planen: Kanal 69 auf UKW laut stellen, damit man die Durchsage des Brückenoperators nicht verpasst. Bei uns verschob sich die Eisenbahnbrücke auf 2 Uhr, dann noch einmal um eine halbe Stunde. Doch danach lief es wie am Schnürchen: Unser kleiner Konvoi dampfte durch die äußeren Grachten des Jordaan, das Wasseramt fuhr nebenher und öffnete jede Brücke rechtzeitig. Nachts mit dem Schiff durch die schmalen Kanäle einer schlafenden Metropole zu fahren – die Lichter, die wenigen Menschen zum Greifen nah – ist ein einmaliges Erlebnis.

Nach etwa zwei Stunden erreichten wir den nächsten Engpass, die Autobahnbrücke bei Schiphol, und legten hinter der Schleuse ins Nieuwe Meer für eine kurze Nacht an. Dass für drei Boote eine Autobahn gesperrt wird, sagt viel über den Stellenwert des Segelns in den Niederlanden. Danach: strahlender Himmel, sich wie von Zauberhand öffnende Brücken, pittoreske Dörfer – traumhaft.

SY Rocinante in der Marina Enkhuizen

Gouda – im Schlick und mit schiefen Häusern

Statt gleich durchzufahren, blieben wir eine Nacht in Gouda. In der flachen Marina blieb Rocinante mit dem Kiel im Schlick stecken – kein Problem, der Boden war weich, und das kannte sie aus Hamburg-Finkenwerder schon. Gouda ist ein hübsches Städtchen; die Sint-Janskerk ist die längste Kirche der Niederlande, was wir bei einem Rundgang gleich empirisch bestätigen konnten. Weil der Boden hier durch das hohe Grundwasser sehr weich ist, sacken manche Gebäude sichtbar schief in den Untergrund.

Ankunft in Rotterdam

Am nächsten Morgen zogen wir den Kiel aus dem Schlamm, und wieder öffneten sich alle Brücken wie von Geisterhand, selbst die große Algerabrug kurz vor Rotterdam ohne Wartezeit. Nach der letzten Schleuse hatte die Hollandse IJssel wieder Gezeiten und Strömung; das Bild wurde industrieller, der Verkehr dichter. Spätestens auf der Nieuwe Maas brauchten wir zwischen Flusskreuzfahrern und Binnenfrachtern die volle Konzentration – und wurden doch, wie schon in Amsterdam, von der Skyline willkommen geheißen.

Sicher in der Marina Rotterdam vertäut, gönnten wir uns ein frühes Bier. In zehn Tagen von Hamburg nach Rotterdam, mit Pausen – entspannt. Einziger Wermutstropfen: viel Motor. Doch wo wir segeln konnten, sind wir gesegelt, und die nächsten Etappen entlang der belgischen und französischen Küste würden deutlich segelintensiver werden.

Dieser Bericht stammt aus dem Logbuch der SY Rocinante. Davor: Von Cuxhaven ins Ijsselmeer. Danach ging es aufs Meer: Segeln von Rotterdam nach Ostende. Aktuelle Törns zum Mitsegeln in der Törnübersicht.

← Zurück zum Logbuch
Staande Mastroute: von Makkum nach Rotterdam | Wo ist Roci?