Nachts über die Nordsee: von Rotterdam nach Ostende

3. Juni 2022

Auf nach Belgien – Foto aus dem Logbuch - Willemsbrug in Rotterdam

Eine Nachtpassage über die südliche Nordsee gehört zum Anspruchsvollsten, was das Revier zu bieten hat: dichter Frachtverkehr, Gezeiten, die das Timing bestimmen, und die eigene Wahrnehmung, die im Dunkeln gern Schiffe erfindet, wo keine sind. Von Rotterdam ging es für Rocinante und mich über Nacht nach Belgien – geplant nach Nieuwpoort, angekommen in Ostende.

Rotterdam – Stadt und Vorbereitung

In Rotterdam blieb noch ein ganzer Tag zum Sightseeing. Das Hotel New York, einst Sitz der Holland America Line, von dem aus über die Jahre unzählige Menschen ihre Schiffspassage in die „neue Welt" begannen; das markante Gebäude De Rotterdam, die „vertikale Stadt" des Architekten Rem Koolhaas; und der Innenstadtpark, bei mildem Wetter voller entspannter Menschen. Danach übernahm wieder die endlose Liste an Bord: Flugrost am Geräteträger, kleine Gelcoatarbeiten, Putzen – und der Wechselrichter.

Technik-Notiz: Wechselrichter an Bord

Ein Inverter soll die 230-V-Steckdosen versorgen, die sonst nur am Landstrom laufen. Zwei Lehren aus meiner Installation: Erstens überfordert ein Verbraucher wie der Boiler (über 1200 Watt) einen kleinen Inverter – er schaltet unter Last ab. Zweitens ist es keine gute Idee, das Batterieladegerät laufen zu lassen, während der Inverter arbeitet: Dann erzeugt der Inverter aus der Batterie Strom, mit dem das Ladegerät dieselbe Batterie laden soll – ein sinnloser Kreis. Boiler und Ladegerät aus, dann läuft der Inverter einwandfrei.

Auf nach Belgien – Foto aus dem Logbuch - Sonnnenuntergang vor dramatischer Kulisse auf SY Rocinante

Ablegen durch die Erasmusbrücke

Als der Mitsegler mit dem Nachtzug aus Berlin eintraf, legten wir sofort ab, um die Öffnung der Erasmusbrücke um 11 Uhr nicht zu verpassen. Die wegen ihrer Form „der Schwan" genannte Brücke über die Nieuwe Maas wurde eigens für uns geöffnet – ein eigenartiges Gefühl angesichts der sich stauenden Autos und Trams. Mit rund 20 Metern Masthöhe gibt es keinen anderen Weg auf die Nordsee.

Nachtpassage über die Nordsee

Hinter der schützenden Mole zeigte sich die Nordsee gleich unwirtlich: Böen bis 25 Knoten, kabbelige Kreuzsee und ein hohes Aufkommen schneller Frachter, die zeitgleich die Maas verließen oder anliefen. Nach ein paar stressigen Minuten war das Fahrwasser gequert, die Segel standen, und Richtung Süden wurde die Welle mit jeder Seemeile Abstand angenehmer.

Nach etwa zwei Stunden drehte ich kurz bei, montierte den Windpiloten und setzte unserePassatsegelstellung – Vorsegel und Großsegel auf verschiedenen Seiten ausgebaumt und festgesetzt, ideal bei Wind von achtern. So konnte ich mich ganz auf Navigation und Verkehr konzentrieren.

Verkehr in der Nacht: Mindestens zweimal ignorierten Frachter aus meiner Sicht die Ausweichregeln. Ein Schiff kam von achtern auf, das AIS zeigte eine enge Begegnung; ich änderte den Kurs leicht, obwohl ich kurshaltepflichtig war, um zu signalisieren, dass ich keinen Ärger will – kurz darauf drehte der andere in meine Richtung und machte den Abstand wieder zunichte. Ein-, zweimal bin ich zur Sicherheit beigedreht und habe die Großen durchfahren lassen. Im Zweifel gewinnt auf See nicht das Recht, sondern die Tonnage.

Auf nach Belgien – Foto aus dem Logbuch - Crewmitglied sitzt entspannt auf dem Vordeck von SY Rocinante

Securité: ein geschlossener Hafen

Gegen 20 Uhr kam über Ostende Radio eine Securité-Meldung – jene Nachrichten, die die Sicherheit der Schifffahrt betreffen (erloschene Feuer, Treibgut, gesperrte Häfen). In der verrauschten Durchsage hörte ich „Nieuwpoort" und „closed", aber nicht die Zeiten. Also gerechnet: Bis wann muss die Entscheidung fallen, einen anderen Hafen anzulaufen? Ostende erwies sich als beste Option, spätestens um 23:30 Uhr brauchte ich Klarheit.

Als Ostende Radio die Meldung nicht wiederholte, ergriff ich um 23:15 Uhr selbst die Initiative und funkte die Küstenfunkstelle an. Prompte Antwort: Nieuwpoort öffnet erst in einer Woche wieder. Noch war Zeit, auf Ostende abzulaufen – Kurswechsel auf hohen Halbwindkurs.

Navigation im Dunkeln – wenn das Auge Schiffe erfindet

Die Ansteuerung von Ostende war durch die Beleuchtung von Stadt und Hafen alles andere als einfach. Es ist faszinierend, wie schlecht das menschliche Auge nachts Entfernungen, Geschwindigkeiten und Größen einschätzt – und wie schnell die Vorstellungskraft nachhilft. Ich fuhr lange neben einem vermeintlichen Frachter her und wunderte mich, warum er nicht vorbeizog. Nach zehn Minuten erkannte ich: eine Lichtreflexion und eine beleuchtete Tonne. Mein Gehirn hatte sofort das Naheliegendste daraus konstruiert – ein Schiff.

Merke: Nachts die Lichter und Farben bewusst nüchtern lesen und der Fantasie einen Riegel vorschieben – sie erfindet sonst Molen, Fahrwege und Schiffe, die nicht da sind.

Auf nach Belgien – Foto aus dem Logbuch - Segelyacht, gerefft aus der Entfernung

Ankunft in Ostende

Vor der Einfahrt funkte ich Ostende Traffic Control für die Einlauferlaubnis an – Formsache, aber gehört dazu. Die Mercator Marina liegt hinter einer Schleuse und ist so gegen Strömung und Tidenhub geschützt, was das Liegen sehr angenehm macht. Nur wird die Schleuse nachts nicht bedient, also legten wir am Wartesteiger davor an. Am nächsten Morgen um 8:30 Uhr wurden wir eingeschleust und machten endgültig fest.


Auf nach Belgien – Foto aus dem Logbuch - Gotische Kirche in Ostende

Ostende bei Tageslicht glänzte nicht mit Charme – ein gut erschlossener Ferienort mit hohen Appartementblöcken. Heraus sticht die große gotische Kirche direkt an der Marina. Die obligatorischen Moules-frites ließen wir uns schmecken.

Dieser Bericht stammt aus dem Logbuch der SY Rocinante. Weiter ging es entlang der Kanalküste – nachzulesen im Bericht Segeln bis in die Normandie: Ostende–Le Havre. Aktuelle Törns zum Mitsegeln findest du in der Törnübersicht.


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