Segeln bis in die Normandie: von Ostende nach Le Havre

30. August 2022

Ostende Le Havre Mai 2022 – Blog Nr. 13


Diese Etappe führt entlang der Kanalküste von Ostende über Calais, Boulogne-sur-Mer und Dieppe bis nach Le Havre – und mit jeder Seemeile nach Westen wächst der Tidenhub. Was in Belgien mit ein paar Metern beginnt, sind an der normannischen Alabasterküste schon acht und mehr. Wer hier segelt, plant zuerst die Gezeiten und erst danach alles andere.

Von Ostende nach Calais – Wind und Tide im Takt

Als für den Samstag guter Nordwind und für den Sonntag Flaute angesagt war, änderten wir kurzfristig den Plan und nutzten den Wind für die knapp 50 Seemeilen nach Calais – rund zehn Stunden. Wieder mussten Tide und Schleusenzeiten der Marina Ostende ineinandergreifen: Am Freitagabend um 18 Uhr wurden wir in den Vorhafen geschleust und machten am Wartesteiger fest, Hochwasser am nächsten Morgen um 6 Uhr.

Früh war es empfindlich kalt, der Himmel grau. Doch der anfangs schwache Wind nahm zu, die Wolkendecke riss auf, und es wurde ein schöner Segeltag. Lord Hyva, die Windsteueranlage, hielt uns stabil nach Westen. Die belgische Küste zieht sich, geprägt von langen Sandstränden, über Nieuwpoort und das weniger reizvolle Dunkerque bis zur französischen Grenze. Je näher man dem Nadelöhr zwischen Calais und Dover kommt, desto höher steigt die Küste – das Pendant zu den berühmten Kreidefelsen von Dover. Bei unter 20 Seemeilen Abstand konnten wir die englische Steilküste sehen.

Einfahrt Calais: Nach kurzem Funkspruch an Port Control ging es in den Avant-Port an eine Mooring. Um in die Marina zu gelangen, muss man die Klappbrücke Pont Hénon passieren, die nur zu festen, ans Hochwasser gekoppelten Zeiten öffnet. Unser Timing war gut – keine zehn Minuten Wartezeit.

Ostende Le Havre Mai 2022 – Blog Nr. 13 – Foto aus dem Logbuch

Wie geplant erreichten wir gegen 16.00 Uhr Calais. Nach einem kurzen Funkspruch an Port Control wurde uns die Einfahrt in den Hafen erlaubt und wir fuhren direkt in den Avant Port in dem wir an einer der dort vorhandenen Moorings festmachten. In Calais muss man, um in die Marina einzufahren, die Pont Henon passieren, die nach einem an das Hochwasser angepassten Plan nur zu bestimmten Zeiten vor, während und nach dem Hochwasser öffnet. Wir hatten ein ziemlich gutes Timing und mussten noch nicht mal 10 Minuten warten bevor sich die Brücke hob und wir an den Visiteur Pontoon heranfuhren.

Da wir ja unseren Plan, unter anderem auch die Stadt Brügge zu besichtigen, durcheinandergewirbelt hatten, war nun die Idee diesen kleinen Sightseeing Tag am Sonntag nachzuholen, denn auch aus Calais ist es nicht sehr weit nach Brügge und meine Frau Lena würde dort eh am Sonntag morgen ankommen. Anstatt sie also nach Calais umzuleiten, entschieden wir uns dafür uns in Brügge zu treffen. Es wurde ein schöner, zwischendurch sogar sonniger Tag in dieser sehr hübschen mittelalterlichen Stadt. Als Handelszentrum und über Kanäle mit dem Hafen Zeebrügge verbunden, war Brügge im 13. Jahrhundert zu einem wichtigen und wohlhabenden Handelszentrum mit Bischoffssitz aufgestiegen. Die Gebäude und Kirchen sind sehr gut erhalten und durch die Kanäle, die den Stadtkern durchziehen, besitzt die Stadt einen pittoresken Charme. In jedem Fall ist sie einen Besuch wert, auch wenn die Touristen das Stadtbild beherrschen und auch sich die einheimische Wirtschaft in Form von touristischen Atraktionen und einer Unmenge an Souvenirgeschäften offensichtlich vollkommen darauf eingestellt hat.

Ostende Le Havre Mai 2022 – Blog Nr. 13 – Foto aus dem Logbuch

Weil wir den geplanten Landtag durcheinandergewirbelt hatten, holten wir den Abstecher ins nahe Brügge nach – eine sehr gut erhaltene mittelalterliche Handelsstadt, deren Kanäle ihr einen pittoresken Charme geben. Trotz aller Touristenströme einen Besuch wert. Am Abend feierte ich mit der Familie an Bord in meinen Geburtstag hinein – dass die wichtigsten Menschen dafür auf Rocinante waren, machte den Tag besonders.

Boulogne-sur-Mer – acht Meter Tidenhub

Von Calais ging es eine Stunde vor Hochwasser durch die Pont Hénon Richtung Boulogne-sur-Mer. Ein milder Segeltag mit der wilden Steilküsten-Kulisse, zum Schluss mit Motorunterstützung, weil der Wind uns verließ.

Wir erreichten Boulogne bei fast vollständigem Niedrigwasser – was den industriellen Charakter noch verstärkte. Die hohen, algen- und muschelbewachsenen Spundwände und Molen gaben der Einfahrt ein besonderes Flair, und der Tidenhub war spürbar gewachsen: bereits rund acht Meter. Bei Niedrigwasser verschwindet man tief im Hafenbecken, bei Hochwasser blickt man über die Molen in die Stadt.

Am Ende des Beckens liegt ein Wehr, das nur bei Hochwasser für die Einfahrt in den dahinterliegenden Fluss geöffnet wird – bei Niedrigwasser hält das Tor den aufgestauten Fluss zurück. Dieses Tor bei Niedrigwasser hundert Meter entfernt und acht Meter über sich zu sehen, mit der Vorstellung der Wassermassen dahinter, ist beeindruckend und beunruhigend zugleich.

Ostende Le Havre Mai 2022 – Blog Nr. 13 – Foto aus dem Logbuch

Nachtanfahrt auf Dieppe

Nach Dieppe waren es 50 Seemeilen genau nach Südwest. Mit gesetzten Passatsegeln und Autopilot – heute der elektrische, „Raymond" – genossen wir großartiges Segeln und die wunderschöne Landschaft mit ihren farbigen Klippen: von rostrot direkt unter der Grasnarbe bis zum charakteristischen Weiß. Alle paar Kilometer senkt sich die Küste, und in der Kuhle duckt sich eine kleine Häuseransammlung.

Durch die späte Abfahrt wurde es Abend.

Tipp zur Nachtanfahrt: Anfahrten bei Nacht sind besonders, weil man sich zwingen muss, Lichter und Farben nüchtern zu lesen – sonst erfindet die Fantasie Molen, Schiffe oder Fahrwege, die gar nicht da sind. Ein Anruf bei der Marina vorab klärte den Liegeplatz, sodass wir gegen 23 Uhr ohne Suchen festmachten. Der Außensteg zur Ausfahrt hin wurde bei der Windlage eine unruhige Nacht – der Wellenbrecher richtete bei Hochwasser wenig aus.

Fécamp – warum die Tide über die Einfahrt entscheidet

Die Überfahrt nach Fécamp wäre unspektakulär gewesen – mit dem Schönheitsfehler, dass ich übersah, dass Fécamp kein tidenunabhängig befahrbarer Hafen ist. Gerade bei Springtide und Westwind kann die Einfahrt flach und durch Grundseen gefährlich werden.

Also das Gerechne: Bei dieser Geschwindigkeit, Hochwasserzeit in Le Havre als Referenz – wie viel Wasser steht bei unserer voraussichtlichen Ankunft unter dem Kiel? Zweimal kontrolliert, dann Entwarnung: Der Wasserstand würde reichen, mit kleinem Sicherheitspolster. Genau diese Rechnung gehört zu jeder Fécamp-Ansteuerung – den Zielhafen vorab auf Tidenabhängigkeit prüfen, sonst steht man vor verschlossenem Wasser.

Fécamp ist eine schöne Stadt zum Erlaufen: ein Kloster mit Destillerie, in der der Likör Bénédictine erfunden wurde und bis heute gebrannt wird, dazu eine hübsche Kirche, ein Marktplatz und kleine Cafés am Hafen.

Ostende Le Havre Mai 2022 – Blog Nr. 13 – Foto aus dem Logbuch

Ankunft in Le Havre

Auf der letzten Etappe ließ uns der Wind vollends im Stich, sodass wieder der Motor ran musste. Le Havre erreichten wir trotz Fähr- und Frachtverkehr ohne Probleme – nach vorherigem Kontakt mit Port Control, die uns im Wortsinn grünes Licht für die Einfahrt gab.

Die sehr große, zweckmäßige Marina Le Havre hat exzellente sanitäre Anlagen und alles, was man braucht – außer kurzen Wegen. Um 22 Uhr traf schon die nächste Crew ein, angereist für den Törn durch die Kanalinseln. Zum ersten Mal seit Hamburg war Rocinante fast ausgelastet.

Dieser Bericht stammt aus dem Logbuch der SY Rocinante. Aktuelle Törns zum Mitsegeln findest du in der Törnübersicht. Wie es weiterging, steht im Bericht Segeln auf den Kanalinseln.



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