Segeln auf den Kanalinseln: von Le Havre nach St. Malo

7. Oktober 2022

Enstpanntes Segeln auf SY Rocinante zwischen den Kanalinseln


Die Kanalinseln gehören zu den reizvollsten und zugleich anspruchsvollsten Revieren im Ärmelkanal: starke Gezeitenströme, das berüchtigte Alderney Race und ein Tidenhub von fast zehn Metern prägen jede Etappe. Unsere Route führte von Le Havre über Alderney, Guernsey und Jersey nach St. Malo – ein Törn, auf den ich mich lange gefreut hatte.

Le Havre – Ausgangspunkt

Wie immer diente der erste Tag dem Ankommen und Proviantieren. Weil die Crew schon am Freitagabend eingetroffen war, ging das zügig – und blieb Zeit, die Architektur von Le Havre zu erkunden und zum ersten Mal auf dieser Reise das Dinghy klarzumachen.

Le Havre wurde beim Rückzug der deutschen Armee im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört, weshalb die Architektur betont modern ist. Heraus sticht die turmartige, vollständig aus Beton erbaute Kirche St-Joseph, die zugleich als Mahnmal für die Toten und die Zerstörung dient.

Das Klarmachen des Dinghys lief – wie so oft – nicht rund: Die Hebekonstruktion an den Davits brauchte Anpassungen, das Dinghy selbst einige Zuwendung, und der Außenborder nahm den Betrieb erst nach vollständiger Zerlegung und Reinigung von Vergaser und Zündkerze auf. Bei Sonne und angenehmen Temperaturen verbuchten wir das als intensives Kennenlernen mit einem noch unbekannten Wesen.

Die Kanalinseln – Foto aus dem Logbuch

Das Alderney Race – 90 Seemeilen mit der Tide

Um sowohl bei der Abfahrt in Le Havre als auch bei der Ankunft auf Alderney möglichst nah am Hochwasser zu sein, war eine Abfahrt um 3 Uhr morgens nötig – eine unchristliche Zeit, aber die Tide verhandelt nicht. Die rund 90 Seemeilen vorbei an Cherbourg und Kap de la Hague wollten wir in einem Rutsch schaffen, um möglichst viel Zeit auf den Inseln zu haben.

Der Plan ging auf: Sehr günstige Winde aus ONO und die Strömung schoben uns mit bis zu zehn Knoten durchs Alderney Race, jene starke Gezeitenströmung zwischen Alderney und Kap de la Hague. Schon auf Höhe Cherbourg zeichnete sich ab, dass wir am frühen Abend im Hafen Braye ankommen würden. Weil die Windrichtung für den nach Nordosten offenen Hafen ungünstig war, vertrauten wir statt dem Anker lieber auf eine der Mooringbojen. Gegen den einrollenden Schwell half allerdings auch die nichts – es wurde eine schaukelige Nacht.

Merke fürs Alderney Race: Der Strom erreicht bei Springtide extreme Werte. Wer ihn mit sich nutzt, fliegt förmlich durch – gegenan wird dieselbe Strecke zur Tortur. Die Etappe steht und fällt mit dem Timing zur Tide.

Alderney – Ruhe und weite Wege

Die Zeit auf Alderney verbrachten wir mit langen Spaziergängen bei Sonne und mildem Wetter. Die saftige Pflanzenwelt – grüne Wiesen, wilder Fenchel, dickblättrige Blumen – begeisterte uns von Beginn an. Die Trails führen an ehemaligen Verteidigungsanlagen und Stränden entlang und schlängeln sich über die ganze Insel. Ein Highlight, das auch die Inselbewohner so sehen: das Haus, in dem der Beatles-Produzent George Martin lebte und arbeitete.

Die Kanalinseln – Foto aus dem Logbuch

Guernsey: St. Peter Port, Einklarierung und die Little Chapel

Für die knapp 35 Seemeilen nach Guernsey mussten wir wegen der Tide große Teile kreuzen, was den Zeitplan etwas durcheinanderbrachte. In St. Peter Port wurden wir nach der Funkanmeldung an den neuen Außensteg geleitet – zur Springzeit wäre das Fenster in den inneren Hafen hinter dem Sill ohnehin extrem eng gewesen.

Einklarieren auf den Kanalinseln: Die Inseln unterstehen direkt der britischen Krone und sind nicht Teil des Vereinigten Königreichs – deshalb hat der Brexit die Einreiseformalitäten kaum verändert. Nach wie vor durchläuft man ein Einklarierungsverfahren: gelbe Flagge „Q" setzen, Dokumente für die Immigrationsbehörde ausfüllen. Das Verfahren basiert auf Vertrauen und wurde bei uns nicht kontrolliert. Eine Besonderheit am Rande: Die Inseln geben eigene Banknoten aus – auf dem britischen Festland sind diese wertlos, während britische Pfund auf den Inseln überall gelten.

St. Peter Port ist mit über 18.000 Einwohnern die größte Stadt der Region. Wir spazierten durch die Kleinstadt, betrachteten das Fort an der Hafeneinfahrt und gönnten uns Fish & Chips – sehr salzig, aber gut.

Am nächsten Tag nahmen wir die extravagante Little Chapel ins Visier. Eine kurze Busfahrt über enge, von Natursteinmauern gefasste Straßen führte in Richtung Flughafen. Die winzige, mit Glas und Porzellan verzierte Kirche wirkt fast wie ein Puppenhaus: Kaum vier Menschen finden gleichzeitig Platz, und doch erschließen enge Gänge mehrere Ebenen. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts von einem Mönch erbaut, wurde sie mehrfach erneuert und erweitert.

Die Kanalinseln – Foto aus dem Logbuch

Der Squall vor Jersey

Für die Überfahrt nach Jersey stimmte die Windrichtung, und ich hatte zur Sicherheit die Einschätzung des Hafenmeisters eingeholt: kurz vor Halbtide los, entspannt auf halbem Wind hinüber. Das Wetter war als wechselhaft, aber stabil angekündigt.

Wer ahnt, dass nach so viel „alles ganz entspannt" etwas kommt, liegt richtig. Rund 15 Seemeilen vor Jersey, leicht in Luv, gerieten wir in unseren ersten richtigen Squall mit Rocinante. Die böse Wolke war in Luv schon herangezogen zu sehen – die Wucht in diesen dunklen, zerrissenen Fronten ist immer wieder beeindruckend: über 35 Knoten Wind, Platzregen, schlechte Sicht, wir auf Legerwall. In Sekunden waren wir klatschnass und durchgefroren. Aber Squalls gehen vorbei: Als die Sicht besser wurde, lag die Insel wieder vor uns.

Im Hafen die nächste Überraschung – die Marina war wegen Umbauarbeiten für Sportboote gesperrt. Außerhalb fanden sich zum Glück ein paar Anlegemöglichkeiten, und wir ließen den aufregenden Tag mit einem Spaziergang ausklingen. Jersey war mir von allen Kanalinseln am geläufigsten – wegen seines Rufs als Steuerparadies –, wirkte auf mich aber am wenigsten reizvoll, was wohl an den Finanzdienstleistern und ihren Architekturvorlieben liegt. Für den ländlichen Teil blieb leider keine Zeit; ich hätte mich gern eines Besseren belehren lassen.

Die Kanalinseln – Foto aus dem Logbuch
Die Kanalinseln – Foto aus dem Logbuch

Ankunft in St. Malo: Schleusen bei 10 Metern Tidenhub

Am nächsten Morgen ging es auf die letzte Etappe. Bei schwachen Winden aus Südwest segelten wir, später mit Motorunterstützung, südwärts am Plateau des Minquiers vorbei. Am frühen Nachmittag folgte die beeindruckende Anfahrt auf St. Malo: viele Felsen, viele Segler und schließlich die massive Stadtmauer.

Wir stellten uns mit einigen Fischerbooten und einem Explorationsschiff an der Schleuse zum Innenhafen an. Das Schleusen mit so großen Schiffen und einem Tidenhub von fast zehn Metern war eindrücklich: Helfer an der Schleuse warfen uns Leinen zu, an denen unsere nach oben gezogen wurden – so groß war der Höhenunterschied. Hinter der Schleuse gibt es keine Tide, die Schiffe liegen ruhig, direkt vor der Stadtmauer. Ein Mitarbeiter holte uns sogar an der Schleuse ab und geleitete uns zum Liegeplatz. Ein sehr freundliches Ankommen mit fantastischem Panorama.

Dieser Bericht stammt aus dem Logbuch der SY Rocinante. Aktuelle Törns zum Mitsegeln findest du in der Törnübersicht.

Die Kanalinseln – Foto aus dem Logbuch
Die Kanalinseln – Foto aus dem Logbuch
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