Von Cuxhaven ins Ijsselmeer: Rocinantes erste Passage
21. April 2022

Es war der Anfang einer langen Reise: von Hamburg die Elbe hinab nach Cuxhaven und in der ersten Nachtfahrt über die Nordsee bis ins Ijsselmeer. Eine Etappe voller erster Male – erste Passage über 24 Stunden, erster Nachtschlag, erstes Kochen bei Seegang – und gleich eine Lehrstunde in dem, was das Revier prägt: Gezeiten, Wind gegen Tide und dichter Schiffsverkehr.
Die Taufe
Zuvor stand die Zeremonie an – genauer eine Umtaufe, weshalb es mir wichtig war, den neuen Namen unter Berücksichtigung der Tradition zu begehen. Das Wetter war mies; für die Zeremonie mussten wir eines der wenigen fünfminütigen Fenster zwischen zwei Hagelschauern abpassen. Spaß hatten wir trotzdem.

Aufbruch in Hamburg und Rigg-Check in Wedel
Am Morgen ging es mit ablaufendem Wasser aus Hamburg-Finkenwerder – zunächst nur bis Wedel, die erste von vielen Planänderungen. Ich wollte vor der großen Fahrt unbedingt das Rigg checken lassen; wetterbedingt hatten die Rigger den Termin hierher verschoben. Mast, Wanten und Baum wurden begutachtet und für gut befunden, mit ein paar Verbesserungen – darunter, die Salinge (die Querverstrebungen, die dem Mast Stabilität geben) in einem anderen Winkel anzubringen. Ein Rigg-Check vor einer langen Passage ist keine Formalität, sondern die günstigste Versicherung, die man an Bord kaufen kann.
Den Rest des Tages nutzten wir für Liegengebliebenes: den Windpiloten installieren (zunächst nicht ganz korrekt – das ließ sich erst in Cuxhaven beheben) und die Segel endlich setzen.
Die Elbe hinab – Wind gegen Tide
Am nächsten Morgen ging es früh mit ablaufendem Wasser Richtung Cuxhaven. Der starke Nordwestwind mit Böen über 30 Knoten machte es hart: bitterkalt, immer wieder Hagelschauer – und vor allem eine kurze, hohe, sehr steile Welle. Jedes Mal, wenn Rocinante mit der Nase hochschoss und flach ins Wasser zurückkrachte, hielten wir kurz den Atem an.
Das Prinzip dahinter – wichtig für jedes Tidenrevier: Läuft die Strömung (hier Elbe plus ablaufende Tide) gegen den Wind, türmt sich die See zu genau dieser kurzen, steilen Welle auf. Derselbe Strom trug uns zugleich mit bis zu acht Knoten – unter diesen Bedingungen wahnsinnig schnell. Wer die Elbe befährt, sollte die Windrichtung immer gegen die Tidenrichtung denken: Passen sie zusammen, wird es schnell und ruppig; stehen sie gegeneinander, wird es unangenehm bis gefährlich.
Durchgefroren, aber glücklich über diesen ersten Test von Mensch und Material erreichten wir gegen 17 Uhr Cuxhaven. Der Wetterbericht des Folgetags machte die Entscheidung leicht, einen Tag zu bleiben – und den Windpiloten endlich korrekt zu installieren.

Die erste Nachtpassage über die Nordsee
Als Montag Nordostwind aufzog, war der Plan klar: die knapp 160 Seemeilen (rund 300 km) nach Harlingen in einem Rutsch – der erste Nachtschlag überhaupt. Aus der Elbe ging es unter Motor hinaus, umgeben von Frachtern und Tankern aus aller Welt. Der Wind ließ sich Zeit, kam dann aber aus der richtigen Richtung und legte über Nacht auf über 20 Knoten zu. In Passatsegelstellung – Vorsegel mit Spinnakerbaum auf der einen, Groß mit Bullenstander (Preventer) auf der anderen Seite festgesetzt, ideal bei Wind von achtern – flogen wir zeitweise mit zehn Knoten dahin.
Verkehr auf der Nordsee – die eigentliche Schwierigkeit: Nicht nur Gezeiten und Wind fordern hier, sondern der Seeraum selbst. Wir segelten in der rund vier Seemeilen breiten Küstenverkehrszone nach Westen, geteilt mit vielen Fischerbooten (mal auf dem AIS sichtbar, mal nicht). Seewärts daneben beginnt das Verkehrstrennungsgebiet German Bight – die Autobahn der Frachter und Supertanker, in der ein Sportboot die Großen nicht behindern darf. Weil diese drei- bis fünfmal so schnell sind, tut man gut daran, es gar nicht erst zu befahren, sondern die Route an seinem Rand zu planen.
Es wurde eine großartige Nacht. Wir schliefen in Schichten und erlebten Rocinante zum ersten Mal auf einer echten Passage. Als sich der Morgen erst in Lila, dann in Pink ankündigte, der Windpilot verlässlich seine Arbeit tat und das Schiff einfach lief, war es perfekt.

Durch die Waddenzee ins Ijsselmeer
Wir lagen so gut in der Zeit, dass wir Harlingen an Backbord liegen lassen und direkt bis Makkum durchziehen konnten – durch die Lorentzschleuse ins tidenfreie Ijsselmeer. Wegen der Windrichtung mussten wir zwischen den Inseln Terschelling und Vlieland, an der Einfahrt in die niederländische Waddenzee, den Motor anwerfen und den Rest unter Maschine zurücklegen.
Nach 30 Stunden machten wir in Makkum fest. Das Einzige, was kaputtging, war die oberste Segellatte – am nächsten Tag beim örtlichen Segelmacher ersetzt. Rocinante hatte ihre Hochseetauglichkeit bewiesen und richtig Lust auf weitere lange Passagen gemacht.
Dieser Bericht stammt aus dem Logbuch der SY Rocinante – die erste Etappe einer langen Reise. Weiter ging es später Richtung Süden, nachzulesen im Bericht Segeln von Rotterdam nach Ostende. Aktuelle Törns zum Mitsegeln findest du in der Törnübersicht.

