Faszination Hochseesegeln (3/3): Die Transformation
7. September 2026

Wenn ich ehrlich bin, gibt es keinen Moment, an dem ich sagen könnte: Jetzt bin ich fertig! Nicht als Skipper und nicht als Mensch. Jede Saison, jeder Törn, jede Crew schiebt die Grenze wieder ein Stück weiter. Manches mache ich mittlerweile ziemlich gut. Glaube ich zumindest. Anderes fällt mir nach wie vor schwer und es kostet einiges an Energie, nicht in alte Verhaltensmuster zurückzufallen.
Vertrauen, das man sich erarbeiten muss
Am schwersten fällt mir bis heute das Vertrauen. Das Vertrauen, in Ruhe und Frieden schlafen zu können, nicht bei jedem Geräusch und jeder ungewöhnlichen Bewegung alarmiert zu sein. Skipper, insbesondere beim Hochseesegeln, tragen eine riesige Verantwortung für das, was an Bord passiert. Irgendwie ja für alles und jeden! Und gleichzeitig muss man loslassen lernen und darauf vertrauen, dass andere richtig handeln. Das ist kein abstraktes Prinzip. Was wir da draußen machen, ist potenziell gefährlich. Und das macht es ja so schwierig zu unterscheiden, wie weit darf ich vertrauen — und wo muss mein Vertrauen in die Fähigkeiten der Crew enden. Genau deshalb ist dieses Vertrauen etwas anderes als an Land: Ich vertraue nicht, weil es bequem wäre, sondern obwohl ich weiß, was auf dem Spiel steht.
Die Technik steht dabei an zweiter Stelle — Material kann man prüfen, warten, im Zweifel austauschen. Schwerer ist das Vertrauen in Menschen. In die Crew an Bord, die neben mir wacht, refft, navigiert. Die Frage, die mich dabei umtreibt, ist immer dieselbe: Haben sie schon genug Erfahrung mitgebracht und habe ich ihnen genug gezeigt, damit sie im entscheidenden Moment richtig handeln? Beides lässt sich vorher nie ganz sicher wissen. Man findet es erst draußen heraus, wenn es zählt. Und das auch nur, wenn man vertraut.
Fehler, Druck und ein Zusammenhang
Und genau hier hängt für mich ein zweiter Punkt direkt daran: Fehlertoleranz. Denn das Vertrauen in die Crew entscheidet auch darüber, wie ich mit ihren Fehlern umgehe. Meine Erfahrung — nicht mehr, aber auch nicht weniger als das — ist: Je mehr ich erwarte und je mehr Druck ich aufbaue, ohne die richtige Sprache dafür zu finden, desto mehr Fehler passieren tatsächlich. Je größer der Stress an Bord, keinen Fehler zu machen, desto häufiger entstehen sie. Und es liegt maßgeblich an mir, wie groß der Stress an Bord ist.
Die Konsequenz daraus ist unbequem, aber klar: Wenn ich will, dass weniger schiefgeht, hilft nicht mehr Druck. Es hilft nur, so zu kommunizieren, dass Fehler passieren dürfen, ohne dass daraus gleich eine Krise wird. Das ist eine Fähigkeit, die ich als Skipper genauso lernen musste wie das Reffen vor dem Sturm. Und immer noch ist Luft nach oben. Mein Vertrauen ist die Grundlage für eine Fehlertoleranz, die erfolgreiches Hochseesegeln erst möglich macht.
Kleiner werden, um mehr zu sehen
Was am Ende bleibt, ist etwas, das größer ist als Vertrauen oder Fehlertoleranz allein: eine wachsende Demut vor diesem Planeten. Je öfter ich draußen bin, desto kleiner nehme ich mich selbst — und desto größer wird alles um mich herum. Sich selbst nicht mehr so wichtig zu nehmen, sich der eigenen Unzulänglichkeiten bewusst zu sein, das erzeugt eine seltsame Art von innerer Freiheit. Vielleicht schließt sich hier der Kreis zu dem, was ich am Anfang dieser Serie beschrieben habe: dass Freiheit kein Zustand ist, den man einmal erreicht. Sie entsteht genau dort, wo man aufhört, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen.
Solltest Du Teil 1: Freiheit und Weite oder Teil 2: Die Kraft noch nicht gelesen haben, nutze den Link.



