Faszination Hochseesegeln (2/3): Die Kraft

5. September 2026

Blick vom Cockpit einer Segelyacht auf hohe, dunkelblaue Atlantikwellen bei Schräglage des Schiffs

Die Gleichgültigkeit des Ozeans

Cockpit, Vormittag, irgendwo zwischen Bermuda und Horta. Wir sind ungefähr auf halber Strecke. Clemens hat Wache mit mir, wir reden über das Wetterfenster, das vor uns liegt — in den nächsten Tagen soll der Wind zulegen, der Ozean wird sich zeigen, wie er auch sein kann. Wir reden über die schiere Größe von dem, was uns umgibt, und irgendwann sagt Clemens einen Satz, der bei mir geblieben ist: „Weißt du was, dem Atlantik ist es sowas von egal, ob wir hier draußen sind oder nicht!“ Kein Vorwurf, keine Dramatik in seiner Stimme. Nur eine Feststellung.

Diese Gleichgültigkeit des Ozeans ist etwas anderes als Feindseligkeit. Der Atlantik will uns nichts. Er nimmt uns einfach nicht wahr. Und wenn man das einmal wirklich verstanden hat, verschiebt sich etwas in einem. Man hört auf, sich wichtig zu nehmen. Nicht weil man ihm egal ist, sondern weil man merkt, wie ungleich die Kräfte verteilt sind. Gegen etwas anzukämpfen, das um ein Vielfaches stärker ist als man selbst, kostet nur Kraft, die man an anderer Stelle braucht.

Die Höhe der Wellen

Was das bedeutet, merkt man am deutlichsten, wenn die See selbst zu arbeiten beginnt. Wellen bauen sich hinter dem Heck auf und wachsen. Mal laufen sie unter dem Rumpf durch und manchmal heben sie das Heck so stark an, dass wir ins Gleiten kommen und die Welle hinunterrutschen — so schnell, dass der Baum keinen Druck mehr hat, uns entgegenkommt, und das ganze Schiff dabei zittert. In diesem Moment gibt es keine Kontrolle. Und auch wenn jemand hinter dem Steuerrad steht, steuert diese Person nicht mehr. Sie hält. Nicht gegen die Welle, sondern mit ihr — jede Bewegung des Ruders folgt dem, was das Wasser gerade vorgibt. Jede eigene Bewegung könnte fatal sein.

Man ist Teil einer Bewegung, die größer ist als man selbst, und die einen für ein paar Sekunden einfach mitnimmt. Nur für ein paar Sekunden, und das ist wichtig, denn nach der Ohnmacht muss die Crew so schnell es geht wieder in das Handeln kommen. Sich schütteln und sich die Verantwortung wieder zurückholen.

Die Schwärze der Nacht

Es muss jedem an Bord klar sein: Jetzt kommt es darauf an. Wir müssen uns auf unsere Arbeit am Schiff und auf unsere Fähigkeiten verlassen. Wenn etwas schief geht: dem Atlantik wäre es egal!

Eine Nacht ist mir besonders geblieben: hunderte Blitze in kurzer Zeit, dazwischen eine Nacht, die schwärzer war als alles, was ich vorher kannte. Und dann der Donner — nicht der, den man aus der Ferne kennt, sondern einer, der einen zusammenzucken lässt, weil er direkt über einem zu sein scheint. Diese Hilflosigkeit besonders in Gewittern und dieses Ausgeliefertsein hat eine besondere Dimension.

In solchen Situationen verschiebt sich auch, was richtig und falsch überhaupt bedeutet. Es gibt Momente, in denen es genau darauf ankommt, so wenig wie möglich falsch zu machen. Klar! Und es gibt andere, in denen richtig und falsch gar keine Kategorien mehr sind — in denen es einzig darauf ankommt, dass überhaupt etwas gemacht wird. Handeln statt erstarren. Und wieder, dem Atlantik ist es egal: ob die Entscheidung richtig war oder nicht, seine Kraft bleibt exakt dieselbe. Genau deshalb bringt es nichts, gegen ihn anzukämpfen — nicht aus Resignation, sondern weil der einzige Weg, auf dem Ozean zu bestehen, der ist, seine Kraft zu nutzen, statt sich an ihr aufzureiben.

Erfolg mit Bestand

Was mich diese Nächte und diese Wellen gelehrt haben, ist am Ende ziemlich einfach: Man kann mit der Natur nur zusammenarbeiten, nie gegen sie. Wer sich ihr entgegenstellt, verliert Energie im Kampf gegen etwas, das nicht kämpft. Wer stattdessen mit ihr arbeitet — die Welle nutzt statt sie zu fürchten, den Wind liest statt ihn zu verfluchen, den Kurs ändert, anstatt stur an ihm festzuhalten —, macht ihre Kraft zur Grundlage des eigenen Erfolgs. Genau wie mit den Menschen an Bord. Nur so übersteht man die Hochsee, und nur so lässt sich danach das Gefühl genießen, etwas Außergewöhnliches geleistet zu haben — etwas, das Bestand hat, weil es nichts zerstört, sondern etwas entwickelt hat.

Teil 3 dieser Serie handelt davon, was von all dem bleibt, wenn man wieder an Land steht — und was sich dadurch wirklich verändert.

Und wenn Du Teil 1: "Die Weite" noch nicht gelesen hast dann klick hier.

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