Segeln in der Bretagne: von St. Malo nach Brest

9. Oktober 2022

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Die bretonische Küste, rau und im Mai morgens noch in leichtem Nebel, ist wunderschön – so viel vorab. Wer in der Bretagne segelt, segelt in einem der anspruchsvollsten Tidenreviere Europas: Der Tidenhub erreicht hier bis zu zehn Meter, und die daraus entstehenden Strömungen bestimmen jede einzelne Etappe. Genau das macht den Reiz aus.

Rund 160 Seemeilen hatten wir uns vorgenommen, um von St. Malo an den westlichsten Punkt der Bretagne zu gelangen: Brest. In kleinen Tagesetappen, jede einzelne geplant rund um die Strömung. Rocinante war nach der vorangegangenen Etappe über die Kanalinseln in bestem Zustand, und ich kannte inzwischen jede Schraube, jeden Zentimeter Holz, Plastik und Metall an Bord. Wir beide waren ein eingespieltes Team.

Die Bretagne – Foto aus dem Logbuch

Gezeiten in der Bretagne planen

Das prägende Thema in der Bretagne sind die Gezeiten. Bei einem Tidenhub von bis zu zehn Metern und Strömungen von mehreren Knoten entscheidet die Tide, wann eine Etappe überhaupt sinnvoll segelbar ist. Fährst du mit ablaufendem Wasser, schiebt es dich voran; drehst du in die einlaufende Tide, kann derselbe Weg zum zähen Kampf gegen bis zu drei Knoten Strom werden.

Praktisch heißt das: früh aufstehen. Die Gezeiten scheren sich nicht darum, ob man Urlaub hat. Wer hier plant, plant zuerst die Tide und erst danach den Wecker.


St. Malo, Saint-Cast und Saint-Quay-Portrieux

Unser erster Hafen nach der Abfahrt in St. Malo war Saint-Cast – eine sehr kurze Etappe, um warm zu werden und die neue Crew an Bord einzuspielen. Der Ort Saint-Cast-le-Guildo ist von der Marina über einen Betonsteg zu erreichen, der auch bei Hochwasser trockene Füße bewahrt; etwa fünfzehn Minuten sind es in den kleinen Strandort. Eine Strandpromenade, eine zweite Häuserreihe, das war es im Wesentlichen – und ein überraschend guter Segelladen, der der Crew günstige, gute Segelhandschuhe bescherte.

Die nächste Etappe nach Saint-Quay-Portrieux wurde ein gemütlicher, ereignisloser Segeltag – also genau so, wie Segeln sein soll. Die Marina passt dazu: gut organisiert, freundlich, funktional. Wie fast alle Marinas in starken Tidenrevieren ist sie riesig dimensioniert. Bei Niedrigwasser blickt man an zwanzig Meter hohen, algen- und muschelbewachsenen Steinwällen empor – ein eigenwilliger Anblick.

Die Bretagne – Foto aus dem Logbuch

Der lange Schlag nach Roscoff

Das leidige Thema Gezeiten zwang uns am nächsten Morgen früh aus den Kojen: Fast 60 Seemeilen nach Roscoff lassen sich nicht in einer einzigen Ebbe schaffen, die einlaufende Tide würde uns mit bis zu drei Knoten ausbremsen.

Der Tag versprach schön zu werden, die Stimmung war bestens. Lord Hyva, Rocinantes Windfahnensteuerung, übernahm das Ruder, und wir konnten die Landschaft genießen. Die Île de Bréhat flog vorbei, bald konnten wir nach Westen abdrehen – und es lief. Und lief. Die Strömung drückte uns nach Westen, der erwartete Winddreher ließ auf sich warten. Nach acht Stunden war absehbar, dass wir schon am frühen Nachmittag ankommen würden, fast innerhalb der Ebbe.

Der Preis für diesen guten Tag kam kurz vor dem Ziel: Direkt vor dem Hafen erwischten uns ein paar Böen jenseits der 30 Knoten, ausgerechnet beim Segelbergen – und rissen den UV-Schutz im Vorsegel ab.

Tipp für Roscoff: Wer die Marina Roscoff anläuft, sollte unbedingt auf die Strömung im Hafen achten. Sie ist heftig und je nach Wasserstand nicht ungefährlich.

Eine kurze Recherche ergab eine Segelmacherei in unmittelbarer Nähe. Vorsegel runter, zusammenlegen, hinschleppen – die Werkstatt war großartig und versprach, das Problem bis zum nächsten Morgen zu lösen. Damit war der Nachmittag frei.

Roscoff – pittoresk und überraschend mild

Die Marina liegt in einem Industriehafengebiet, etwas abseits des Ortes – schön für Roscoff, unpraktisch für uns, die wir auch noch Proviant besorgen mussten. Der rund zwanzigminütige Weg war jedoch ausgesprochen hübsch und mit Getränken auf dem Rückweg machbar. Roscoff verfügt über ein mildes, feuchtes Klima: Überall wuchsen Rosen, palmenartige Bäume, dickblättrige Pflanzen und Sukkulenten.

Roscoff selbst ist – Achtung, mein Lieblingswort für solche Orte – pittoresk. Grob behauene Natursteinhäuser, schmale Straßen, ein kleiner Fischerhafen, bewehrt mit uralten Kanonen, gerichtet auf die Durchfahrt zur Île de Batz. Mitten im Ort ein Leuchtfeuer, den Hafen überragend. Man versetzt sich hier mühelos in eine alte Zeit der Seefahrt zurück. So verschlafen war es, dass wir es gar nicht erst mit der Restaurantsuche versuchten – es war allerdings noch Vorsaison.

Die Bretagne – Foto aus dem Logbuch

Durch die Enge zur Île de Batz und weiter nach Aberwrac'h

Als vorletztes Ziel hatten wir uns Aberwrac'h ausgesucht. Auf dem Weg dorthin durchquerten wir die nur bei Hochwasser befahrbare Enge zwischen Roscoff und der Île de Batz – ein aufregendes Unterfangen. Eng und flach: Sich allein auf GPS und Seezeichen zu verlassen, während das Echolot immer weiter fällt, kostet Nerven. Ein Schiff vor uns entschied sich gegen die Seezeichen und musste kurz vor dem Flachwasser einen hektischen 180-Grad-Turn fahren; danach folgten sie uns – was mir gar nicht recht war, schließlich kannte ich mich selbst nicht aus.

Die Küste wurde noch wilder. Immer wieder Felsen weit draußen im Wasser, an denen sich die Atlantikwelle mit Getöse brach. Beeindruckend.

Zur Einfahrt Aberwrac'h: Es gibt eine schmale, flache und eine längere, auf den ersten Blick sicherere Einfahrt – wir wählten die zweite. Die Entscheidung will getroffen sein, zumal rund zwei Meter Atlantikwelle anrollten, sich im flacheren Wasser auftürmten und an der Kante teils schon brachen. Rückblickend war es unspektakulärer als gedacht: Näher an der Einfahrt bricht und lenkt eine Felslinie die Welle ab, und es wird sehr schnell sehr ruhig. Dann ist die Einfahrt schlicht toll – eine große Bucht mit türkisem Wasser, dahinter zieht sich das Wasser in einem langen Linksbogen flussartig bis zum Örtchen mit seiner kleinen Marina. Da diese voll war und wir uns selbst genügten, gingen wir an eine der Muringbojen im lagunenartigen Gebiet dahinter. Diese Bojen sind überall auf der Welt ein Genuss: das Freiheitsgefühl des Ankerns bei der Sicherheit einer festen Verankerung.

Die Bretagne – Foto aus dem Logbuch

Ankunft in Brest

Schweren Herzens ging es am nächsten Tag auf die letzte Etappe. Gerne hätte ich in Aberwrac'h und den anderen schwer erreichbaren Orten mehr Zeit verbracht – die Liste der Regionen, zu denen ich mit dem Schiff zurückkehren möchte, wird immer länger.

Das Wetter hielt, nur der Wind ließ uns zum Schluss im Stich, sodass der bis dahin arbeitslose Motor doch noch ran musste. In strahlendem Sonnenschein passierten wir die Roches de Portsall und die vorgelagerten Inseln Béniguet, Molène und Quéménès und bogen in die Rade de Brest ein – begleitet von einem riesigen Atom-U-Boot und, passenderweise, einem U-Boot-Jäger. Glücklicherweise beide von derselben, der französischen Marine. Wenige Seemeilen später lag die Marina du Château vor uns, schön unterhalb der beeindruckenden Festung von Brest. Ein letztes Anlegemanöver – angekommen.

Fazit: Bretagne im Mai

Die Bretagne hat sich für uns schick gemacht. Im Mai ist das nicht selbstverständlich – wir hatten sonnige, fast sommerliche Segeltage mit fantastischem Wind erwartet hatten wir das Gegenteil, kühl und regnerisch, und wurden angenehm überrascht. Andere Berichte zeichnen ein raueres Bild. Ein Wiederkommen ist fest geplant; nur das „Wann" ist noch offen.

Dieser Bericht stammt aus dem Logbuch der SY Rocinante. Wohin es als Nächstes geht – und welche Törns zum Mitsegeln offen sind – findest du in der Törnübersicht.

Die Bretagne – Foto aus dem Logbuch
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