Ruderbruch auf See: ohne Ruder nach Bermuda

29. Oktober 2024

Jan am Heck von SY Rocinante - Steuern mit der Notpinne


Es ist 2:30 Uhr, und plötzlich geht ein Ruck durchs Boot. Rocinante bockt, läuft aus dem Ruder, dreht in den Wind und legt sich bei zwei bis drei Meter Welle auf den neuen Bug. Sekunden später ist mein Mitsegler wieder im Cockpit. Verwirrung. Was folgt, sind fünf Tage, in denen aus einer der Grundängste jedes Seglers – dem Verlust des Ruders mitten auf dem Atlantik – eine Aufgabe wird, die sich abarbeiten lässt. Dieser Bericht erzählt, wie das ging, und arbeitet heraus, was in einer solchen Extremlage trägt.

Was hier steht, ist mein Erleben und Vorgehen, kein allgemeingültiges Notfallhandbuch. Bei einer echten Notlage gehört als Erstes die zuständige Seenotrettung informiert – wie wir es getan haben.

Die Ausgangslage

Seit dreieinhalb Tagen waren wir von West Palm Beach Richtung Bermuda unterwegs – Rocinante, eine Sun Odyssey 43 von 2002, mit mehreren Atlantiküberquerungen im Kiel, und eine zweiköpfige Crew in zweieinhalb-Stunden-Wachen. Ein günstiges Fenster, der Golfstrom, in der ersten Nacht oft neun Knoten. Um 00:30 Uhr hatten wir noch gerefft, Wind über 20 Knoten. Um 2:30 Uhr kam der Aufprall.

Prinzip 1: In der Nacht nichts erzwingen – erst diagnostizieren

Nach dem Schlag lag Rocinante beigedreht relativ stabil, aber wir wussten nicht, was passiert war. Dunkel, der Mond noch nicht auf. Mein erster Reflex – die Windsteuerung aus- und wieder einkuppeln, um zurück auf Kurs zu kommen – brachte nur kurz eine Reaktion, dann drehte das Schiff erneut in den Wind.

Merksatz: Ohne Sicht und bei drei Meter Welle nachts die Ursache erzwingen zu wollen, schafft neue Fehler. Wir stabilisierten den Beilieger, räumten auf, schliefen. Drei Stunden bis zum Tageslicht – Erholung ist in der Krise kein Luxus, sondern Ressource.

Bei Tageslicht riggten wir eine GoPro an einen Stab und hielten sie unters Schiff, statt ins noch zu grobe Wasser zu gehen. Das Bild bestätigte das Schlimmste: Das Ruderblatt war am Schaft knapp unter dem Rumpf abgebrochen und gesunken.

Merksatz: Erst sehen, dann handeln. Eine Kamera am Stab ersetzt den gefährlichen Gang ins Wasser und liefert die Diagnose, auf der alle weiteren Entscheidungen aufbauen.

Prinzip 2: Optionen abwägen, bevor man aufgibt

500 Seemeilen bis Bermuda, zu zweit, kein Autopilot, in rund 24 Stunden eine durchziehende Front. Wir hatten seit der Nacht über Satellitentelefon Kontakt zu Bremen Rescue, die wiederum mit der US-Küstenwache eine Abbergung oder ein Rendezvous mit einem Frachter hätte koordinieren können.

Statt sofort abzubergen, entschieden wir uns für einen strukturierten Versuch, das Schiff selbst zu retten: Freitag als Testtag – so gut es geht vor dem Wind segeln, abends die Lage bewerten, beidrehen, die Front abwarten; ab Samstag, wenn möglich, in Wachen bis Bermuda durchhalten.

Merksatz: Nicht die erste, sondern die überlegte Entscheidung zählt. Die Seenotrettung früh einbinden und im 12-Stunden-Takt Kontakt halten – aber die Selbstrettung strukturiert und mit klaren Prüfpunkten versuchen, statt sie reflexhaft auszuschließen.

Prinzip 3: Mit dem, was da ist – die Notsteuerung

Die Rettung steckte in einer Entscheidung von Jahren zuvor: einer Windsteueranlage von Hydrovane mit eigenem Notruder. Ein kleines Ruderblatt mit aufsteckbarer Pinne – vorhanden, montiert, einsatzbereit. Nur: Steuern ohne das Hauptruder, also mit gestörtem Lateralplan (der Unterwasser-Widerstandsfläche), ist extrem schwierig.

Das zeigte sich sofort. In Butterfly-Stellung geriet das Groß bei den stark gepfeilten Salingen der Sun Odyssey nicht weit genug nach vorn; das Schiff drängte hart in den Wind, das kleine Notruder konnte es nicht halten – alle paar Minuten ein „Schuss in die Sonne". Erst als wir das Groß bargen und nur noch mit ausgebaumter Genua fuhren, wurde es beherrschbar, wenn auch kräftezehrend.

Der entscheidende Kniff kam später: den Motor mit 1200–1500 Umdrehungen mitlaufen lassen. Die konstante Anströmung des kleinen Notruderblatts – unabhängig von der schwankenden Fahrt in den Wellen – verbesserte die Steuerung spürbar. Mühsam, aber stetig kamen wir voran.

Merksatz: Redundanz ist alles. Eine Windsteueranlage mit eigenem Notruder ist im Ruderverlust nicht Komfort, sondern die Rückfallebene, die das Schiff rettet. Und: Segelbalance und eine konstante Anströmung nehmen der Notsteuerung die Last – daran arbeiten, statt gegen das Ruder zu kämpfen.

SY Rocinante - Unterwasserschiff ohne Ruder

Prinzip 4: Entscheiden im Team – mit klaren Abbruchkriterien

Ich war als Eigner überzeugt, es zu schaffen; mein Mitsegler war skeptischer und bestand auf einem Plan. Aus der hitzigen Debatte wurde eine belastbare Regel: Schaffen wir am nächsten Tag keine 50 Seemeilen, wird eine Abbergung erneut ernsthaft geprüft.

Merksatz: Unter Stress und Erschöpfung schützt eine vorab vereinbarte, messbare Abbruchschwelle vor beidem – vor sturem Weitermachen und vor vorschnellem Aufgeben. Uneinigkeit an Bord ist kein Problem, wenn sie in eine überprüfbare Regel mündet.

Der erste Tag brachte nur 35 Seemeilen – am zweiten, mit besserem Segelgefühl und Motorunterstützung, lief es deutlich besser, und das selbst gesteckte Ziel rückte in Reichweite.

SY Rocinante - nur unter Genua Besegelung

Die Ankunft: ein Manöver, ein Versuch

Am 14. Mai kam Bermuda in Sicht. Beim Manövrieren auf engem Raum wurde schmerzhaft klar, wie manövrierunfähig wir waren. Der St. George's Harbour hinter dem schmalen Town Cut, die Ankerplätze gut gefüllt – und das Wissen, dass es beim Ankermanöver nur eine Chance geben würde. Ich suchte den größten möglichen Schwojkreis, nahm die eigentlich zu große Tiefe in Kauf: anfahren, aufschießen, Anker ab, mit 1500 Umdrehungen eintreiben. Er hielt.

Was danach beginnt – und die eigentliche Lehre

Mit dem Anker fiel die Anspannung, aber nicht die Arbeit: Schadensbericht für die Versicherung, Werftsuche, ein neues Ruder organisieren und verschiffen. Und etwas anderes wurde spürbar – die Tränen, die mir ständig in den Augen standen, waren das Signal, dass ich die Grenzen meiner Belastbarkeit überschritten hatte.

Merksatz: Eine Extremlage endet nicht mit dem Ankerwurf. Die eigene Erschöpfung anzuerkennen und sich bewusst Ruhe zu nehmen, gehört zum Krisenmanagement genauso wie die Notsteuerung. Wer das überspringt, trägt die Krise unverarbeitet in die nächste.

Jan im Cockpit von SY Rocinante an der Notpinne

Die Prinzipien auf einen Blick

  • Nachts und ohne Sicht nichts erzwingen – stabilisieren, ausruhen, bei Tageslicht diagnostizieren (Kamera am Stab statt Gang ins Wasser).
  • Seenotrettung früh einbinden und Kontakt takten – Selbstrettung strukturiert versuchen, nicht reflexhaft ausschließen.
  • Redundanz zahlt sich aus: eine Windsteueranlage mit eigenem Notruder ist die Rückfallebene.
  • Segelbalance und konstante Anströmung (Motor mitlaufen) entlasten die Notsteuerung.
  • Im Team eine messbare Abbruchschwelle vereinbaren – gegen sturheit wie gegen Panik.
  • Nach der Rettung die eigene Erschöpfung ernst nehmen.

Dieser Bericht stammt aus dem Logbuch der SY Rocinante. Weitere Törns zum Mitsegeln findest du in der Törnübersicht.

Der Atlantik entspannt bei leichter Bewölkung und viel Sonne
← Zurück zum Logbuch
Ruderbruch auf See: ohne Ruder nach Bermuda | Wo ist Roci?