Orcas vor Portugal: durch das „Orcaland" nach Faro
22. März 2025

Auf den letzten rund 40 Seemeilen vor der portugiesischen Küste liegt ein Gebiet, das ich für mich „Orcaland" nenne. Hier kam es in den letzten Jahren immer wieder zu Interaktionen zwischen Orcas und Segelyachten – in einigen Fällen mit beschädigten Rudern, im schlimmsten Fall mit dem Sinken der Yacht. Auf der Rückreise von den Azoren übers Festland führte unser Weg nach Faro genau hindurch. Dieser Bericht schildert, was das Phänomen für Segler bedeutet und wie wir die Passage angegangen sind.
Was das „Orcaland" ist
Seit einigen Jahren treten vor der iberischen Küste und im Bereich der Straße von Gibraltar wiederholt Orcas an Segelyachten heran und stoßen dabei häufig gegen das Ruder. Die Bandbreite reicht von folgenlosen Begegnungen über beschädigte Ruderanlagen bis, in seltenen Fällen, zum Verlust des Bootes.
Für die Planung heißt das: Der Bereich ab etwa 40 Seemeilen vor der Küste ist eine bewusst einzukalkulierende Zone. Es gibt inzwischen über soziale Medien und Messenger-Gruppen recht aktuelle Informationen darüber, wo sich die Gruppen gerade aufhalten – hilfreich, aber die Anspannung nimmt es einem nicht ganz. (Alle Angaben hier geben meine eigene Erfahrung und Vorgehensweise wieder; verbindliche Verhaltensempfehlungen bei einer Orca-Interaktion gehören zu offiziellen Stellen und aktuellen Fachquellen – bitte dort informieren. Zum Beispiel Orca.pt)

Die Anfahrt: Starkwind von Madeira aufs Festland
Bis zu diesem Punkt lag schon eine fordernde Rückreise hinter uns. Von den Azoren waren wir dem abziehenden Wettersystem folgend über Madeira nach Osten gesegelt, um vor dem nächsten Tief das Festland zu erreichen. Die letzte Etappa von Madeira nach Faro wurde eine ruppige Angelegenheit: Der Wind schwankte zwischen 19 und 38 Knoten, die Spitzen kamen aus squallartigen, kleinräumigen Wettersystemen mit Starkregen – selbst bei fast vollem Mond nachts schwer vorherzusehen. Nördlich der Moroccan Fishing Grounds – flacher Bereiche zwischen Madeira und Festland, die bei hoher Nordwest-Dünung gefährliche Wellen aufbauen können – hielten wir Kurs aufs Festland.
Dann, näher an der Küste, flaute der Wind auf eine nicht mehr segelbare Stärke ab. Wir starteten den Motor, kamen mit rund sechs Knoten voran – und warteten auf neuen Wind. Der stellte sich ausgerechnet dort wieder ein, wo das „Orcaland" beginnt.

Durch das Orca-Gebiet
Weil empfohlen wird, diesen Bereich so schnell wie möglich zu passieren, haben wir nicht lange gefackelt. Unter Motor, unterstützt vom Großsegel, sind wir mit ständigem Ausguck durch das Gebiet geprescht. So sah unsere Vorbereitung aus:
- Vorab die aktuellen Positionsmeldungen der Gruppen aus den einschlägigen Tracking-/Messenger-Gruppen gecheckt.
- Das Gebiet zügig und auf möglichst direktem Weg durchfahren, statt zu trödeln.
- Durchgehender Ausguck, um Tiere früh zu erkennen.
- Feinen Sand zum Ausstreuen am Heck an Bord haben. Weniger, weil ich denke, dass es die Orcas wirklich interessiert, als im Fall der Fälle etwas zu tun zu haben.
Offensichtlich hatten die Orcas an diesem Tag Besseres zu tun. Ohne Interaktion und noch vor dem nächsten Tiefdruckgebiet erreichten wir die Küste.

Ankunft in Faro
Gegen Mittag passierten wir die Barra Nova, die Einfahrt in die Lagune von Faro (Ria Formosa), und gingen erst einmal vor Anker. Wieder hatten wir einen Schnitt von über sechs Knoten gehalten und die rund 530 Seemeilen in etwa dreieinhalb Tagen zurückgelegt – schnell genug, um sogar den auf den Nachmittag verlegten Krantermin für das anstehende Refit wahrzunehmen. Am Nave-Pegos-Boatyard in Faro wurde Rocinante zügig und fast komplikationsfrei gekrant.
Die Orca-Passage war damit noch einmal glimpflich ausgegangen – aber sie bleibt der Teil der Strecke, den man vor der iberischen Küste am wenigsten auf die leichte Schulter nehmen sollte.
Dieser Bericht stammt aus dem Logbuch der SY Rocinante. Mehr über unsere Atlantik- und Küstentörns zum Mitsegeln findest du in der Törnübersicht.

